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Positionsphasenmodell

Das sog. Positionsphasen-Modell wurde vom derzeitigen Bundestrainer entwickelt und soll von Trainern aller Stufen zur Ausbildung der Schützen verwendet werden. Diese Ausgaben der Trainertipps basieren auf den Ausbildungsunterlagen des Trainerlehr­gangs (Breitensport C).

Es handelt sich dabei um ein trainingsmethodisches Konzept für das Erlernen und Vermitteln der Schießtechnik. Das „Positionsphasenmodell“ beinhaltet Technikvarianten, die den Sportler in biome­chanisch optimierte Kraftlinien führen und die Bewegungskonstanz fördern.

 

Überblick

Die folgende Abbildung 1 zeigt die Abfolge der Positionsphasen am Beispiel von Lisa Unruh, eine der besten Bogenschützen Deutschlands.

Abbildung 1: 

Die Nullstellung und die Positionsphasen 1 bis 4 sind vorübergehende (temporäre) statische Elemen­te des kompletten Bewegungsablaufs:

  1. Nullstellung
  2. Vorspannungsposition (PP 1)
  3. Anhebeposition (PP 2)
  4. Halteposition (PP 3)
  5. Nachhalteposition (PP 4)

Zwischen diesen statischen Elementen liegen die dynamischen Bewegungsphasen 1 bis 4. Diese Be­wegungsphasen enthalten eine Folge von Techniken, die den Schützen in die jeweils nachfolgende Positionsphase führen.

Quelle der Darstellungen zum Positionsphasenmodell: Trainertipps Juni bis Oktober 2024

 

1. Nullstellung (PP0)

Die Nullstellung ist die Ausgangsstellung des kompletten Bewegungsablaufs, den wir bei jedem Schuss wiederholen. Mit dieser Nullstellung (ma­nche Trainer bezeichnen diese auch als Positionsphase 0) beginnt und endet der Schussablauf.

In der Nullstellung steht der Schütze entspannt auf der Schießlinie, die beiden Füße befinden sich jeweils links und rechts davon. Beide Füße stehen parallel und ungefähr schulterbreit (Eure Schul­tern, nicht die von Arnold Schwarzenegger) voneinander entfernt.

Es wird neuerdings empfohlen, den Stand offen zu gestalten, d.h. der Fuß vor der Schießlinie ist leicht nach hinten versetzt, laut dem Bundestrainer erhöht der offene Stand die Stabilität - bei korrekter Technikausführung (Abbildung 2). Beide Füße sind gleichmäßig belastet, dabei soll der Körper­schwerpunkt leicht nach vorn verlagert sein, das Gewicht also leicht auf den vorderen Fußballen liegen. Die genaue Angabe von 60% des Gewichts, die man gelegentlich in der Literatur findet, ist natürlich für Hobby-Schützen wie uns eher nicht sinnvoll, da wir sie nicht genau messen können. Bundeskaderschützen trainieren gelegentlich auf Kraftmessplatten und können dabei die Gewichtsverteilung genauer definieren. 

Abbildung 2: 

Nach dem Einnehmen des Standes wird dieser im Verlauf des Schusses nicht mehr verändert.

Der Pfeil wird aufgelegt und eingenockt und danach wird der Bogen mit dem unteren Wurfarm auf dem vorderen Fuß abgestützt (das schützt die u.a. Wurfarmspitze vor Verschmutzung). Die Bogen­hand hält den Bogen locker, die Bogenschlinge ist angelegt.

Beide Schultern sind tief, die Arme hängen locker. In der Nullstellung soll der Kopf noch nicht in Schussrichtung gedreht sein, sondern entspannt in Richtung der Schießlinie zeigen. Beim Übergang in die nächste Positionsphase wird der Kopf dann in Schussrichtung gedreht. Abbildung 2 zeigt Chri­stian Weiss von der SGi Welzheim in der Nullstellung, er hat schon den Kopf in Richtung zur Scheibe gedreht.

In dieser Phase entspannt sich der Schütze, beruhigt die Atmung, fixiert mit den Augen einen weit entfernten Punkt (Horizont, Hallenwand...) und baut so die Konzentration für die folgenden Phasen auf.

Man sollte für sich im Laufe der Zeit für diese Phase (und alle folgenden Phasen) eine Art Ritual ent­wickeln und diesen ritualisierten Ablauf dann immer gleich durchführen (Ausbildung von Automatismen). Dazu sollte man sich eine Abfolge von „Kontrollpunkten“ definieren, die man nacheinander „abarbeitet“.

Für das Einnehmen der Nullstellung könnte diese Folge von Kontrollpunkten beispielsweise folgen­dermaßen lauten:

  1. Bogen aufnehmen und an die Schießlinie gehen
  2. Füße schulterbreit und parallel stellen
  3. Bogenschlinge anlegen und festziehen
  4. Pfeil aus dem Köcher ziehen, auflegen, unter den Klicker legen und einnocken
  5. Bogen auf dem vorderen Fuß abstellen
  6. Beide Schultern und Arme entspannen, Halsmuskeln entspannen
  7. Ruhig atmen, Blick fixieren

Die oben genannte Abfolge ist jedoch nur ein Beispiel und jeder Schütze muss für sich selbst eine Abfolge definieren. Diese Folge sollte man (wie auch später die Abfolgen für die folgenden Positions­phasen) aufschreiben.

 

2. Positionsphase 1 (PP1, Vorspannungsposition) und der Übergang von der Grundstellung

2.1 Stand

Wir spannen die Rumpfmuskulatur (Bauch-, Rücken-, Becken- und Wirbelsäulenmuskulatur) an und kippen dabei das Becken nach hinten, um einem Hohlkreuz entgegenzuwirken. Beide Schultern blei­ben entspannt in der tiefen Ausgangslage, die wir in der PP0 erreicht haben:

Abbildung 3: 

Die angespannte Muskulatur im Körperkern, das gekippte Becken und die niedrige Position der Schultern müssen wir nun bis zum Ende des Schusses (PP4) beibehalten.

Die Körperspannung sorgt für eine hohe Stabilität während des Schusses. Ganz wichtig ist, eine Hohlkreuzbildung zu vermeiden, da Ihr in diesem Fall sehr instabil in der Körpermitte werdet. Versucht aber unbedingt eine übermäßige Anspannung der Beinmus­kulatur zu vermeiden, da dies schnell zu Verkrampfungen führen kann. Die Stellung der Füße und die Gewichtsverlagerung nach vorn (aus der PP0) wird nicht verändert.

2.2 Zugarm, Zughand und Zugfinger

Der Zugarm ist leicht abgewinkelt (siehe Abbildung 3) und der Oberarm bleibt nahe dem Brustkorb. Die Zughand steht senkrecht nach unten. Das Handgelenk ist gerade bis überstreckt und der Hand­rücken ist entspannt. Die Zugfinger liegen parallel. Der Daumen liegt im Handteller, der kleine Finger ist gewinkelt.

2.3 Positionierung der Sehne

Die Sehne liegt genau in der Beuge des ersten Fingergelenks des Zeige-, und Ringfingers, die Lage auf dem Ringfinger ergibt sich dann meist etwas hinter dem ersten Gelenk (siehe Abbildung 4). Die Nocke des Pfeils befindet sich zwischen Zeige- und Mit­telfinger.

Abbildung 4: 

Die Angabe zur Sehnenbela­stung (etwa 40% am Zeigefin­ger, 50% am Mittelfinger und 10% am Ringfinger) die man gelegentlich in der Literatur findet, ist nicht wortwörtlich zu befolgen (wie auch?) sondern soll nur ausdrücken, daß die Hauptlast auf Mittel- und Zeigefinger liegt und der Ringfinger nur unterstützend wirkt.

Wichtig ist, dass man tief in die Sehne greift, das bedeutet, dass die Sehne wirklich in den Gelenken und nicht auf den Fingerspitzen liegt (siehe Abbildung 5).

Abbildung 5: 

Man nennt diese Position auch einen „tiefen Haken“. Auch wenn es im ersten Moment unlogisch erscheint, diese Posi­tion lässt ein deutlich besseres (fließendes) Lösen zu, als wenn die Sehne auf den Fingerspitzen gehalten würde.

Diese erreichte Fingerposition wird bis zum Lösen der Sehne gehalten. Ganz wichtig ist, dass die Zugfinger die Sehne nur halten und nicht aktiv in den Zug einwirken.

2.4 Bogenarm, Bogenhand und Griff

Der Bogenarm ist gestreckt, aber nicht überstreckt. Er zeigt nach unten (~45°) und nach vorn. Diese Ausrichtung des Bogenarms bezeichnet der Bundestrainer als „Linie 1-2“ (siehe Abbildung 6).

Abbildung 6: 

Das Netz der Hand (der Hautlappen zwischen Daumen und Zeigefinger) liegt im tiefsten Punkt der Griffschale. Der Druckpunkt liegt (bei Rechtsschützen) rechts von der Lebenslinie im Bereich des Daumenballens. Der Anstellwinkel der Bogenhand beträgt etwa 45 Grad, der Ellbogen ist leicht aus­gedreht (Abbildung 7).

Abbildung 7: 

Die Position des Druckpunkts sowohl in der Hand, als auch auf dem Bogengriff muss unbedingt bei jedem Schuss gleich sein, damit man in der Lage ist, konstante Trefferbilder zu erreichen. Der Druck­punkt darf sich im weiteren Verlauf des Schusses nicht ändern.

Um die Position der Finger auf der Sehne und die Position der Hand im Griff zu definieren, muss die Sehne leicht angezogen werden (Vorspannung). Diese Vorspannung entspricht etwa einem Zugweg von 10 cm.

2.5 Kopf und Körperpositionierung

Wir drehen nun den Kopf und blicken zum Ziel. Die Hüfte bleibt weiter parallel zum Stand positioniert und wir drehen unseren Oberkörper um die Wirbelsäule, bis die Bogenschulter in Richtung Ziel zeigt und die Schulterblätter parallel zum Ziel ausgerichtet sind. Dabei müssen wir darauf achten, dass bei­de Schultern weiterhin tief positioniert bleiben.

Würde man nun einen Pfeil an die Schulterblätter anlegen, so würde dieser in Richtung Ziel zeigen. Nach unserem Bundestrainer erhöht sich durch diese Drehung um die Wirbelsäule noch einmal die muskuläre Spannung im Körperkern und optimiert dadurch die Stabilität. Bei der Drehung erhöht sich auch die Vorspannung an der Sehne noch etwas.

Wie für die PP0 sollte man sich auch für diese Phase eine Art „Kontrollpunktliste“ definieren, die man “abarbeitet“, um so einen Automatismus zu entwickeln. Für das Einnehmen der PP1 könnte diese Folge von Kontrollpunkten beispielsweise folgendermaßen lauten:

  1. Becken kippen und Muskeln anspannen
  2. Kontrolle ob Füße schulterbreit und parallel stehen
  3. Finger auf der Sehne korrekt positionieren
  4. Bogenhand auf dem Griff positionieren
  5. Sehne leicht vorspannen
  6. Bogen leicht anheben
  7. Kopf heben und zum Ziel schauen
  8. Oberkörper zum Ziel drehen, Schultern bleiben tief.

 

3. Übergang in die Positionsphase 2 (PP2, Anhebeposition)

Der Stand wurde bereits zu Beginn der PP0 eingenommen und ist seitdem unverändert. Die Kopfposition wurde beim Übergang in die PP1 fixiert, der Blick ist in Richtung Ziel ausgerichtet.

3.1 „Mindset“

Vor dem Übergang in die nächste Positionsphase folgt nun eine Art Konzentrationsphase, die unser Bundestrainer „Mindset“ nennt. Der Schütze soll sich dabei auf die folgenden Abläufe konzentrieren.

Manche Schützen nutzen diese kurze Phase, um z.B. die Fahnen an den Scheiben beobachten (Wind einschätzen) zu können. Andere durchlaufen gedanklich nochmals die folgenden Abläufe. Diese Kon­zentrationsphase sollte jeder Schütze in seinen Ablauf einbauen, das Ende dieser Phase sollte die Entscheidung sein, den folgenden Schuss jetzt auszuführen.

Nutzt diese Phase, um nochmals alles Vorhergegangene zu prüfen (Hand richtig im Bogengriff, Finger richtig in der Sehne, Schulterlinie tief...), konzentriert Euch auf das Ziel und wenn Ihr Euch sicher seid, dann kommt das gedankliche Kommando: „Jetzt!“.

Abbildung 8 zeigt Lisa Unruh am Ende dieser Konzentrationsphase. Der Bogenarm ist (im Vergleich zur PP1) leicht angehoben, der Bogen ist leicht vorgespannt. Die Bogenschulter ist tief positio­niert und der Blick liegt auf dem Ziel.

Abbildung 8: 

3.2. Übergang in die Positionsphase 2

Nach dem „Mindset“ wird der Zug- und der Bogenarm gemeinsam angehoben (siehe Abbildung 9 links) bis sie ungefähr auf Augenhöhe sind. Manche Schützen heben etwas mehr, andere wieder etwas weniger an. Wichtig ist dabei, dass der Pfeil auf keinen Fall stark nach oben zeigt, da dies ziem­lich sicher vom Kampfrichter angemahnt wird (siehe SpO 6.2.3: „Beim Spannen des Bogens darf keine Technik angewendet werden, aufgrund derer nach Ansicht des Kampfrichters ein unbeabsichtigt ausgelöster Pfeil über die Sicherheitszone oder die Sicherheitsvorkehrungen hinausfliegen kann. Schützen, die nach einem entsprechenden Hinweis durch den Kampfrichter oder Schießleiter weiter auf einer solchen Technik bestehen, sind sofort zu disqualifizieren.“).

In dieser Position wird die Bogenschulter leicht nach innen gebracht, damit die Gelenke (Schultern, Hand) möglichst in einer Linie (1-2-3) sind. Dadurch stützen sich die Knochen und Gelenke gegenein­ander ab und der Schütze braucht weniger Kraft um den Bogen in Richtung Ziel zu halten.

Abbildung 9: pitMkG

Manche Trainer nennen diesen Vorgang „Schulter verriegeln“. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass es Trainer gibt, die diese eher statische Verriegelung nicht gut finden und einen dynamischen Spann­vorgang beider Schultern bevorzugen.

Bei der Verriegelung darf die Schulter nicht nach oben wandern, sondern die Schulterlinie muss wei­terhin tief bleiben und während der Anhebe- und der Schulterbewegung darf sich der Kopf nicht be­wegen.

Der Schütze muss darauf achten, dass diese Schulterverriegelung immer gleich vorgenommen wird. Mit zunehmender Trainings- oder Wettkampfdauer wird fast immer an dieser Stelle zuerst „ge­schlampt“ und die Schulter wird nachlässig positioniert.

Wenn aber die Schulter „offen“ bleibt, d.h. der Punkt 2 (Bogenschulter) nicht in der beschriebenen Linie liegt, braucht der Schütze viel Kraft in der Schulter um den Bogen auf das Ziel ausgerichtet zu halten. Oft lässt diese Kraft dann im Schuss nach, die Bogenschulter und damit die Bogenhand geben nach und es folgt ein unsauberer Schuss (meist links tief (bei Rechtshandschützen)).

Nach dem Positionieren der Schulter wird die Spannung der Sehne erhöht (Der Bundestrainer schreibt auf ca. 70% des Vollauszugs, wobei unklar ist, wie der Schütze dies messen soll). Die Span­nung darf dabei aber nicht von den Armmuskeln (Bizeps) kommen, sondern muss vielmehr von den Rückenmuskeln aufgebracht werden.

Nach dem Anheben soll das Visier etwas oberhalb des Ziels stehen und ab jetzt darf das Ziel nicht mehr aus dem Blick gelassen werden. Der Bundestrainer empfiehlt in der aktuellen Ausgabe seines Buchs, den Fokus auf dem Visier und nicht auf dem Ziel zu haben. Damit entspricht die Empfehlung der Vorgabe, die auch die Pistolenschützen anwenden.

In einer früheren Ausgabe war diese Empfehlung noch genau entgegengesetzt. Ich persönlich komme besser zurecht, wenn ich das Ziel scharf sehe und das Visier unscharf, aber das liegt u.U. daran, dass ich nur mit einer Lochblende und nicht mit einem Zielpin schieße. Welche Art des Visierens für Euch besser ist, müsst Ihr selbst herausfinden.

Entgegen der Meinung des Bundestrainers ist es für mich in dieser Phase zu früh, den Sehnenschat­ten zu prüfen (siehe unten).

Nach dem Anheben des Bogens ist die Positionsphase 2 erreicht. In der folgenden Bewegungsphase in die Ankerposition wird die Rückenspannung zunehmen.

Wie für die bisherigen Phasen PP0 und PP1 sollte man sich auch für diese Phase eine Art „Kontrollpunktliste“ definieren, die man “abarbeitet“, um so einen Automatismus zu entwickeln. Für das Ein­nehmen der PP2 könnte diese Folge von Kontrollpunkten beispielsweise folgendermaßen lauten:

  1. Konzentration („Mindset“) auf das Ziel
  2. Bogenhand ok?
  3. Sehnengriff ok?
  4. Kopf oben?
  5. „Jetzt!“
  6. Bogenarm und Zugarm anheben
  7. Bogenschulter „verriegeln“
  8. Kopf bleibt stehen, zum Ziel schauen (Vorzielen).

 

4. Übergang in die Positionsphase 3 (PP3, Halteposition)

Der Stand wurde bereits zu Beginn der PP0 eingenommen und ist seitdem unverändert. Die Kopfpo­sition wurde beim Übergang in die PP1 fixiert und beim Übergang in die PP2 wurde die Schulter ver­riegelt. Der Blick ist in Richtung Ziel ausgerichtet und das Visier steht in der Vorzielposition leicht über dem Zielpunkt.

Es folgen nun drei Bewegungsphasen, die zusammen in die Halteposition führen. Dabei ist wichtig, dass diese Bewegungen flüssig ineinander übergehen, es darf dabei keinen Stillstand geben.

4.1. „Laden“

Schon im Übergang zur PP2 wurde die Bogenschulter in eine stabile Position gebracht und mit der Muskulatur verriegelt. Beim „Laden“ (das ist eine seltsame Bezeichnung und ich hätte diesen Vor­gang anders genannt, aber ich behalte die Namen aus der Trainerausbildung bei) wird die Zughand in die Ladeposition - etwa ein bis zwei Zentimeter unterhalb des Kinns - gebracht.

Diese Bewegung kommt in der Hauptsache durch eine Bewegung des Zugellenbogens um die Zug­schulter zustande, es darf dabei nicht der Bizeps des Zugarms angespannt werden. Abbildung 10 zeigt Christian Weiss beim Übergang in die Ladeposition:

Abbildung 10: hTEEzB

Bei der Bewegung der Zughand gibt es zwei mögliche Ausführungsarten. Bei der einen bewegt sich die Zughand geradlinig nach hinten; bei der biomechanisch korrekteren bewegt sich die Zughand auf einem Kreisbogen um die Zugschulter.

Exkurs: Wie spanne ich den Bogen?

Quelle: Trainertipps Oktober 2023

Seltsame Frage, denn jeder von Euch weiß doch wie man den Bogen spannen soll, oder? Tatsächlich gibt es prinzipiell zwei etwas unterschiedliche Möglichkeiten seinen Bogen zum Schuss zu spannen.

Methode 1

Die eine ist, bei der Bewegung die Zughand geradlinig nach hinten zum Ankerpunkt zu führen:

wU2AGL

Diese Bewegung (obwohl vom Bundestrainer empfohlen und in der Trainerausbildung gelehrt) hat zwei gravierende Nachteile:

  • Es entsteht beim Zug eine Kraft, die die Zughand nach außen drücken will und das Zughand­gelenk muss abgeknickt werden.
  • Diese Kraft erzeugt ein Drehmoment im Zug-Ellenbogen, welches durch den Einsatz des Bi­zeps (Beugemuskel im Oberarm) im Zugarm ausgeglichen werden muss. Dadurch ist der Bi­zeps im Zugvorgang nicht entspannt und diese Spannung ist im Endauszug nicht kontrollier­bar wegzubekommen.

Es kann dadurch zu Problemen kommen, wenn der Schütze den Bizeps mit dazu benutzt, um durch den Klicker zu kommen und nur gute Schützen können diese Probleme vermeiden.

Auf diese Art wird nicht unbedingt schlecht geschossen, es gibt genügend Schützen, die mit dieser Technik Weltcups gewonnen haben.

Schützen, die diese Probleme nicht gut in den Griff bekommen, erkennt man üblicherweise daran, dass ihre Zughand nach dem Schuss nicht hinter dem Kopf zu liegen kommt, sondern neben dem Kopf bzw. unter dem Kinn verbleibt.

Methode 2

Im biomechanischen Sinn ist es besser, nur mit den Rückenmuskeln zu spannen, und dann geht es aber nicht anders, als im "Halbkreis" zu spannen. „Halbkreis“ bedeutet dabei, dass sich die Zughand auf einem Kreisbogen um das Schultergelenk bewegt. Das folgende Bild verdeutlicht diese Bewegung:

5cg21I

Bei dieser Bewegung (die man sehr häufig bei amerikanischen und koreanischen Schützen sieht) knickt das Zughandgelenk nicht ab (Pfeil und Unterarm bilden immer eine gerade Linie), der Bizeps ist entspannt und beim Spannen dreht sich der Bogen leicht in der Bogenhand.

Durch den beim Zug entspannten Bizeps kommt der Schütze weniger in Versuchung den Klickerzug mit dem Bizeps zu unterstützen und spannt den Bogen nur mit den Rückenmuskeln. Schützen, die diese Technik gut beherrschen, erkennt man an der Zughand, die nach dem Lösen hinter dem Kopf liegen wird. Auch bei der Technik mit dem geraden Zug, bei dem der Vorauszug mit dem Bizeps gemacht wird, können wenn der Transfer vom Bizeps zum Rückenzug gut umgesetzt wird, nach dem Lösen die Zughand hinter dem Kopf zum Liegen bringen. Wie gesagt, hier ist der Übergang von Bizeps zum Rückenzug wichtig, da sonst der Bizeps zum Entspannen vom Ankerpunkt nach außen löst und nicht nach hinten.

Weitere Informationen:

Hier ein paar Videos als Link, die die beiden Techniken von verschiedenen erfolgreichen Bogenschützen beispielhaft zeigen und erklären.

https://www.youtube.com/watch?v=SFvDUUjyeUQ An San shooting from different angles

https://www.youtube.com/watch?v=LVmMj4mzqdw Jan Ginzel - Technikanalyse

https://www.youtube.com/watch?v=9oGaBbv2th4 Der Schussablauf mit Lisa Unruh

https://www.youtube.com/watch?v=9o0g6FQPhts Ki Bo Bae Archery in slow motion

https://www.youtube.com/watch?v=S2uMHsjm_Sk Brady Ellison Archery in slow motion

Von oben betrachtet sieht das „Laden“ demnach folgendermaßen aus:

EvkKmY

4.2. Ankern

Nach dem Erreichen der Ladeposition, bewegen sich Zugarm und Zughand nach oben bis die Hand Kontakt mit dem Kiefer hat. Wenn man einen Tab ohne Ankerplatte verwendet, soll der Zeigefinger einen festen Kontakt mit dem Kieferknochen haben. Die Sehne berührt idealerweise die Nasenspitze und die Seite des Kinns.

Während der gesamten Bewegungsfolge darf sich die Kopfposition nicht ändern. Abbildung 11 zeigt Florian Kahllund zunächst in der Ladeposition (links) und beim Ankern (Mitte). Man sieht den Kontakt des Zeigefingers mit dem Kiefer (er schießt einen Tab ohne Ankerplatte).

Abbildung 11: cfih8m

Spätestens jetzt hat der Schütze die Sehne vor dem zielenden Auge und nimmt ein unscharfes Bild der Sehne vor dem Auge wahr. Dieses Bild wird im allgemeinen Sprachgebrauch „Sehnenschatten“ genannt (obwohl es natürlich nichts mit einem Schatten zu tun hat). Dieser Sehnenschatten ist die einzige horizontale Referenz zur Ausrichtung des Bogens.

Man muss sich eine immer gleiche Position in der Nähe des Visiers oder des Mittelteils seines Bogens suchen, mit der man diesen Sehnenschatten in Deckung bringt, damit der Bogen bei jedem Schuss gleich ausgerichtet ist. Zum Erzielen gleichmäßiger Pfeilgruppierungen ist es sehr wichtig, dass der Sehnenschatten immer exakt an der gleichen Stelle gesetzt wird.

Abbildung 12: abBULw

Dabei ist es egal, wo der Schütze den Sehnenschatten hinlegt, je näher er am Visier liegt, umso kleiner ist die Bewegung, die das Auge zur Kontrolle machen muss.

Ebenfalls in dieser Position bringt der Schütze das Visier mit dem angestrebten Zielpunkt (der je nach Windverhältnissen nicht unbe­dingt die Mitte der Auflage sein muss) in Deckung und erreicht so die korrekte Ausrichtung des Bogens.

Wichtig dabei ist, sich klarzumachen, dass es nicht möglich ist, das Visier vollkommen unbeweglich auf dem Ziel zu halten, da der na­türliche Tremor (Zittern) verhindert, dass das Visier konstant ruhig auf einen Punkt gerichtet werden kann. Man muss vielmehr versuchen, das Visier in einer sogenannten Haltefläche zu halten. Ein Ziel des Trainings ist, diese Fläche langfristig zu verkleinern.

Wichtige Kennzeichen der Ankerposition sind:

  • Der Kopf befindet sich in einer natürlichen, aufrechten, in Richtung Ziel gedrehten Position
  • Der Mund ist geschlossen, die Zähne liegen locker aufeinander
  • Die Sehne ist fest am Kinn
  • Die Zughandkante und der Kiefer bilden einen festen Block
  • Der Zughandrücken und das Handgelenk sind locker und gerade.

4.3. Transfer

Mit dem sogenannten „Transfer“ (auch eine Bezeichnung, die ich anders gewählt hätte) bewegt sich der Ellbogen des Zugarmes wenig, aber konsequent um das Schultergelenk (siehe Abbildung 13). Dabei wird das „Kraftdreieck“ noch etwas optimiert. Dabei muss man darauf achten, dass der Ellbogen nicht unter die Pfeil-Linie absinkt, da dadurch die Drehbewegung behindert wird.

Abbildung 13: 

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Es handelt sich dabei um eine sehr kleine Bewegung, die von außen kaum sichtbar ist. Der Bogen wird nun hauptsächlich von den Rückenmuskeln gehalten. Die Pfeilspitze befindet sich kurz vor dem Fallen des Klickers (max. 1-3 mm Restzugweg).

4.4. Positionsphase 3 (PP3, Halteposition)

Wir sind jetzt in der 3. Positionsphase, die gelegentlich auch Halteposition oder Ankerposition genannt wird.

Wichtig ist, dass man als Schütze jetzt nicht die Bewegung anhält, sondern den Zugarm-Ellbogen im­mer weiter um die Schulter dreht. Auch wenn der Bundestrainer es eine Positionsphase nennt, es handelt sich (wie in allen Phasen davor auch) nicht um eine statische Position, sondern die begonne­ne Bewegung wird (wenn auch ganz langsam) weitergeführt.

Dabei bleibt der Blick über das Visier auf dem Ziel, die Bogenschulter ist tief und verriegelt.

Wie für die bisherigen Phasen hatten wir eine Art „Kontrollpunktliste“ definiert, die man “abarbei­tet“, um so einen Automatismus zu entwickeln. Da es sich beim Übergang in die PP3 um eine mög­lichst flüssige Bewegung handeln soll, gibt es hier eigentlich keine solche Punkte. Man muss wäh­rend der Bewegung auf folgendes achten:

  1. Bogenhand ok?
  2. Kopf oben?
  3. Beim Anheben von Bogen- und Zugarm Blick auf dem Ziel halten (Vorzielen)
  4. Kopf bleibt stehen, zum Ziel schauen (Zielen, Sehnenschatten prüfen)
  5. Konsequent weiter „ziehen“, Zug-Ellbogen oben halten

5. Positionsphase 4 (PP4, Nachhalteposition)

5.1. Übergang in die Nachhalteposition

Der Übergang von der PP3 in die PP4 ist das, was ein außenstehender Beobachter als den eigentli­chen Schuss wahrnehmen wird, korrekterweise, und das wissen alle erfahrenen Bogenschützen, bil­den alle Phasen von PP0 bis PP4 in ihrer Gesamtheit den vollständigen Schuss.

Die Elemente "Zielen", "Expansion" und "Lösen" führen in ihrer Abfolge in die PP4. Am Ende der Nachhaltephase entspannt sich der Schütze, nimmt wieder die Grundstel­lung ein und beginnt mit dem Ablauf für den nächsten Pfeil.

Es ist sehr wichtig, dass man sich klar macht, dass es zu keinem Zeitpunkt im Ablauf zu einem Stillstand der Zugbewegung kommt.

Daher nochmals der dringende Hinweis: Die Zug­bewegung wird zum Ende zu immer langsamer, darf aber nie aufhören.

5.2. "Zielen"

Wir erinnern uns, in der PP3 hat der Zielvorgang bereits begonnen. Wir haben das Visier bereits auf das Ziel gerichtet und der Zielpunkt ist idealerweise leicht oberhalb des angestrebten Punkts. Der Sehnenschatten (das unscharfe Bild der Sehne, das wir mit dem zielenden Auge wahrnehmen) befin­det sich an der bevorzugten Stelle, die für jeden Schützen eine andere sein kann. Nun wandert das Visier (z.B. der Visierpin oder der Mittelpunkt der Lochblende) auf den gewünschten Zielpunkt (der je nach Windverhält­nissen nicht unbedingt genau die Mitte der Scheibe sein muss) und der Schütze prüft währenddessen die Lage des Sehnenschattens. 

Abbildung 14: YbkPna

Wie schon gesagt, wo der Sehnenschatten positioniert wird, ist relativ unwichtig, es ist aber extrem wichtig, dass er bei jedem Schuss an der gleichen Stelle zu liegen kommt. Der Fokus der Augen bleibt (je nach Vorliebe des Schützen) auf dem Ziel oder dem Visier.

Nochmals der Hinweis: die Zugbewegung wird während des Zielens immer fortgeführt.

5.3. „Expansion“

Diese Bezeichnung ist, wie einige, die der Bundestrainer in seinen Büchern gewählt hat, etwas missverständlich, da hierbei nicht klar ist, was denn expandiert (also ausgeweitet) werden soll. Ich versu­che daher, den Vorgang in meinen Worten zu erklären.

Wie schon gesagt, wird die Auszugsbewegung (die in Wirklichkeit eine Bewegung des Zugellenbogens um die Zugschulter ist) immer weiter fortgesetzt, indem die Rückenspannung weiter erhöht wird. Dabei muss man beachten, dass die dazu notwendigen Muskeln nicht willentlich angesteuert werden können, man konzentriert sich vielmehr auf die angesprochene Bewegung des Ellenbogens.

Bei dieser Bewegung wird der Pfeil, der in der PP3 knapp 1-3 mm vor dem Klicker stand, nach hinten bewegt und der Klicker löst aus („fällt“). Abbildung 15 zeigt Christian Weiss bei der Expansion von oben.

Abbildung 15: 524O89

Der Bundestrainer beschreibt das folgendermaßen: „Die Oberarmrückseite wird parallel zur Schießlinie nach hinten geführt“. Ich denke allerdings, dass dies ebenfalls zu Missverständnissen führen kann und spreche lieber von der Drehbewegung um die Schulter (siehe auch Exkurs zum Thema "Wie spanne ich den Bogen?"oben).

Bei dieser kleinen Bewegung muss der Schütze natürlich weiter zielen und darf dabei seine Kopf- und Schulterhaltung nicht verändern. Besonders die Positionierung der Bogenschulter ist jetzt extrem wichtig, da sich ein Nachgeben („Hochkommen“) der Schulter sehr negativ auf die folgenden Abläufe auswirkt.

5.4. „Lösen“

Beim Lösen wird die Sehne freigegeben. Es ist wichtig, dass man nicht versucht aktiv zu lösen (also bewusst die Finger öffnet), weil dies üblicherweise zu verrissenen Schüssen führt. Das Lösen ge­schieht, wenn es richtig gemacht wird, durch ein Entspannen der Muskeln, die die Finger gekrümmt (Fingerbeuger) gehalten haben. Dabei gleitet dann die Sehne durch die entspannten Zugfinger. Da die Spannung in den Rückenmuskeln erhalten bleibt, bewegt sich nun der Zugellenbogen weiter nach hinten und die Zughand folgt dieser Bewegung.

Die beiden Bilder in Abbildung 16 zeigen Jan Christopher Ginzel beim Lösen. Man sieht sehr gut, wie die Sehne durch die Finger gleitet.

Abbildung 16: 5vVAc8

Da nach dem Lösen keine Zugkraft mehr auf den Bogen wirkt, löst sich der Bogen aus der Bogenhand und bewegt sich nach vorn, bis er von der Fingerschlinge gebremst wird. Die Bogenhand bewegt sich ebenfalls leicht nach vorn, da keine Kraft mehr auf sie wirkt.

Während des Lösens bleibt der Blick weiterhin auf das Ziel gerichtet, man sollte unbedingt vermei­den, bewusst dem Pfeil nachzublicken. Abbildung 17 zeigt Lisa Unruh in der Nachhalteposition. Man sieht die oben schon angesprochenen Punkte 1-2-3, zu denen nun noch das Ellbogengelenk des Zugarms (4) kommt.

Abbildung 17: smu2qq

Besonders bei den koreanischen Damen sieht man immer wieder ein deutliches Abkippen, teilweise Überdrehen des Bogens um die Bogenhand. Diese Bewegung wird durch ein aktives Abkippen der Bogenhand eingeleitet.

Diese Bewegung ist kein Muss. Sie zeigt dem Trainer oder Betreuer jedoch dass der Schütze sauber nachhält. Es ist aber vollkommen ausreichend, wenn der Bogen locker aus der Hand in die Bogen­schlinge fällt. Es besteht bei dieser Art der Bewegung (wie auch bei immer wieder bei Weltcup-Schützen gesehenen Bewegungen des Bogenarms) die Gefahr, dass diese Bewegung bewusst durchgeführt wird und sich der Schütze auf die Ausführung dieser Bewegung konzentriert.

Ja, es sieht gut aus, wie Lim Sihyeon, oder Jeon Hunyoung den Bogen rotieren lassen, aber man muss sich immer vor Augen halten, wieviel sie trainieren (2400 Pfeile/Woche) und dass sich bei einem solchen Pensum diese Bewegungen automatisieren.

Nähere Erläuterungen (Exkurse) zum Thema "Lösen" und "Klicker" finden sich unten.

5.5. Positionsphase 4 (PP4, Nachhalteposition)

Wir sind jetzt in der 4. Positionsphase, die auch Nachhalteposition genannt wird. Beim Nachhalten wird die Körperspannung aufrechterhalten. Während der Einübungsphase (Technikvermittlung) kann man diese Position ruhig für eine Zeit von 2...3 Sekunden halten (Ein gutes Maß ist es, wenn die Posi­tion mindestens so lange gehalten wird, bis der Pfeil im Ziel ist).

Anschließend wird der Bogenarm wieder heruntergenommen, wir gehen wieder in die Grundstellung und bereiten uns auf den nächsten Pfeil vor (bzw. verlassen die Schießlinie, falls es der letzte Pfeil war, den wir in der Passe schießen mussten).

Es scheint manchmal, dass diese letzte Phase des Schusses unwichtig sei, da der Pfeil ja schon den Bogen verlassen hat und der Schütze nun nichts mehr am Flug und damit am Ergebnis tun könne, tatsächlich ist diese Phase aber sehr wichtig.

Ein Grund für die Wichtigkeit ist die Tatsache, dass unser Körper bestimmte Bewegungsabläufe schon einleitet, lange bevor wir diese Abläufe bewusst wahrnehmen. Man nennt dies „Antizipation“. Ein Beispiel dafür ist folgendes: Wenn man als Schütze nicht sauber nachhält, sondern den Bogenarm quasi direkt nach dem Schuss fallen lässt, nimmt der Körper diese Bewegung vorweg und beginnt mit dem Absenken des Arms schon während des Schusses, was Tiefschüsse zur Folge haben wird. Hält man dagegen nach, wird der Körper eben genau das vorwegnehmen und den Arm stehen lassen.

Ein weiterer Grund für das Nachhalten ist eigentlich nicht die Bewegung selbst, sondern vielmehr die (wenn auch kurze) Zeitspanne der Ruhe, in der man als Schütze den eben vergangenen Ablauf noch einmal rekapituliert und eventuelle Fehler identifiziert.

 

Exkurs: "Sauberes Lösen"

Quelle: Trainertipps September 2025

Das Vorschnellen der Sehne

In einem Video wird gezeigt, wie sich die Sehne nach dem Lösen verhält. Man sieht dabei deut­lich, dass die Sehne durch die Finger gleitet und den Pfeil beschleunigt. Je sauberer nun gelöst wird, umso weniger Störungen (=seitliche Schwingungen) erfährt die Sehne und umso gleichmäßiger wird sie die Pfeile auf die Reise schicken.

Deutlich wird hier, dass ein "Verreißen" der Sehne beim Lösen die Vorwärtsbewegung beeinträchti­gen würde und sich zwangsläufig auf den Pfeilflug auswirkt. Es kommt dann zur Streuung der Pfeile auf der Scheibe.

Man kann sich auch (und das empfehle ich jedem Schützen) Videos auf YouTube ansehen. Empfeh­lenswert halte ich dabei die des Kanals „Archery-TV+“(kostenpflichtig), auf dem die Finals jedes World-Cups gezeigt werden. Abgesehen davon, dass ich unwahrscheinlich gern diese spannenden Wettkämpfe sehe, bin ich der Meinung, dass man allein vom Zusehen bei den besten Schützen der Welt immer etwas lernen kann.

Das Einhaken der Sehne

Zum Einhaken der Zugfinger in der Sehne kann man sich vorstellen, man hebt mit Zeige-, Mittel- und Ringfinger einen Eimer Wasser hoch. Beim Anheben lässt man die Hand vollkommen entspannt; nur die ersten Fingergelenke sind gekrümmt und halten den Drahtbügel des Eimers. Ähnlich erfolgt das Einhaken der Finger auf der Sehne. Wichtig ist, dass die Druckverteilung auf den Fingern bei jedem Schuss gleich ist (vgl. Abbildung 4 in Abschnitt 2.3). 

Der Handrücken ist flach und entspannt. Theoretisch sollte sich nach dem Ankern folgende Druckver­teilung ergeben:

  • 40 % auf dem Zeigefinger
  • 50 % auf dem Mittelfinger
  • 10 % auf dem Ringfinger.

Allerdings kann niemand (zumindest nicht mit unseren Mit­teln) diese Verteilung messen und die absoluten Werte sind auch nur begrenzt wichtig. Es gibt Schützen, die den Ring­finger gar nicht einsetzen und ich habe auf einer DM schon eine Schützin gesehen, die nur mit dem Mittel- und Ringfin­ger schoß (siehe Abbildung 18).

Abbildung 18: RLAvg6

Es ist zu empfehlen, nach dem Einhaken den Bogen auf eine leichte Vorspannung zu bringen (Vorspannposition PP1). Dabei werden die immer gleiche Position der Bogenhand im Griffstück und die Position der Zughand an der Sehne über­prüft und ggf. korrigiert. Erst danach hebt man den Bogen an und beginnt ihn auszuziehen (Übergang in Anhebeposition PP2).

Das Lösen der Sehne

Das störungsfreie Lösen ist lediglich ein Entspannen der Fingermuskulatur. Jedes bewusste Öffnen (ruckartiges Aufreißen) wird ziemlich sicher zu verrissenen Schüssen führen. Einprägen kann man sich das entspannte Lösen durch die Vorstellung, dass man einen Eimer Wasser hält und ihn fallen lässt.

Wenn man sich die vielen Videos von Topschützen ansieht (Lisa Unruh ist dabei eine Schützin, deren Lösen besonders gut aussieht) kann man beobachten:

  • Die Schützen ankern dicht am Hals und unter dem Kinn,
  • die Rückenspannung wird erhöht,
  • nach nur wenigen Sekunden (1,5...3,5 Sek.) löst der Schütze die Sehne,
  • die Zughand wird durch die Rückenspannung entlang der Kieferlinie nach hinten gezogen,
  • die Zughand gleitet dabei dicht am Hals entlang.

Es gibt natürlich (wie zu jeder Regel) einige Ausnahmen. Manche Schützen (relativ häufig handelt es sich um Schützen aus der Ukraine oder Russland) verwenden einen Nackenanker, bei dem der Dau­men hinter dem Nacken „eingehakt“ wird. Bei diesen Schützen sieht das Lösen immer etwas anders aus.

Ein Beispiel für Lösen mit aufgerissener Hand ist auch Michelle Kroppen, die sich aber davon nicht abhalten lässt, einen Zehner nach dem anderen zu schießen und in Salt Lake City zweite im World Cup wurde. Man sieht allerdings auf dem Foto in Abbildung 18a auch, dass ihre Hand beim Lösen nicht nach unten geht (was ein Fehler wäre), sondern durch die richtig eingesetzte Rückenspannung nach hinten geführt wird.

Abbildung 18a: YWkrTH

Beim Lösen soll es sich um eine Reflexbewegung handeln, d.h. das Training muss darauf ausgerichtet sein, dass beim Fallen des Klickers die Finger quasi „automatisch“ aufgehen und keine bewusste Ent­scheidung zum Lösen erforderlich ist. Mir ist bewusst, dass es dazu andere Meinungen gibt. Mir ist auch bewusst, dass es gute Schützen gibt, die bewusst lösen. Dennoch bin ich der Meinung, dass das reflexartige Lösen die bessere Technik ist. Es wird immer wieder als Gegenargument genannt, dass man eventuell nicht „im Gold“ steht, wenn der Klicker fällt und man dann einen Fehlschuss produziert. Diese Aussage ist richtig, geht aber fälschlicherweise davon aus, dass der Schütze erst ins Gold zielt, wenn er im Anker steht.

Besser ist es, während des Übergangs von PP2 (Anhebeposition) zu PP3 (Ankerposition) mit dem Visier ins Gold zu gehen und das Visier während des Spannvorgangs dort zu halten. Das Ablauftraining muss nun darauf ausgerichtet werden, dass der Schütze im Gold ist, wenn der Klicker fällt.

Ein klassischer Fehler beim Lösen

Das Foto in Abbildung 18b zeigt einen klassischen Lösefehler. Der Bogenschütze reißt im Moment des Lösens die Hand nach rechts unten. Die Zughand gleitet nicht sauber nach hinten, sondern verlässt im Mo­ment des Lösens den Hals und verreißt dadurch die Sehne:

Abbildung 18b: VI1jWt

Das Ergebnis des Schusses wird eine Fahrkar­te, zumindest aber eine niedrige Ringzahl sein. Der Grund für diesen Lösefehler ist die zu geringe Rückenspannung. Bei einer kor­rekten Rückenspannung wird die Hand un­mittelbar dicht am Hals nach hinten geführt, ohne dass dies eine bewusste Bewegung ist. Die Bewegung ergibt sich automatisch aus der richtigen Rückenspannung.

Gelegentlich sieht man Schützen, die ohne saubere Rückenspannung lösen (Ich zähle mich auch dazu). Man erkennt dies daran, dass nach dem Schuss die Zughand noch neben dem Kinn liegt und manchmal in einer bewußten Bewegung nach hinten geführt wird.

Arbeit mit der Rückenspannung

Ein wichtiger und oft vergessener Punkt im Bewegungsablauf ist dass die Zugbewegung nahezu aus­schließlich mit den Muskeln im Rücken durchgeführt wird. Die Zugfinger sollen beim Spannen des Bogens nur die Sehne halten und sie sollen dabei nach dem Eingreifen der Finger in die Sehne ihre Position nicht mehr ändern.

Idealerweise haben wir in der Anhebeposition (PP2) bereits eine Position eingenommen, bei der das Handgelenk unserer Bogenhand, der Ellbogen unseres Bogenarms und das Schultergelenk des Bo­genarms in einer Linie sind. Beim Anheben wird nun auch die Zugschulter in diese Linie gebracht (siehe oben Abbildung 9 in Abschnitt 3.2).

Die folgende „Spannbewegung“ wird nun nur noch von den Rückenmuskeln durchgeführt. Da man diese Muskeln (im Gegensatz zum Bizeps) nicht bewusst ansprechen kann, ist die Vorstellung, dass man seinen Zugellenbogen in einer Kreisbewegung um die Zugschulter bewegt, hilfreich.

Beim Spannen des Bogens wird nun die Zughand knapp unter das Kinn geführt (der Bundestrainer nennt das „Laden“) und dann, unter Beibehaltung der Rückenspannung leicht nach oben in den Anker gebracht. Wichtig ist dabei, dass zu keinem Zeitpunkt die Rückenspannung verlorengeht, und dass die Spannbewegung nicht aufhört, sondern immer weitergeführt wird.

Ich versuche das Wort „Zug“ bewusst zu vermeiden, da es sich bei der Bewegung nicht um ein Ziehen sondern um ein Drehen des Oberarms um das Schultergelenk handelt. Stellt man sich diese Bewegung gedanklich als ein Ziehen vor, so besteht die Gefahr, dass man beginnt den Bizeps zur Unterstützung einzusetzen oder aber die Zugschulter nach hinten bewegt.

Der Klicker muss so eingestellt sein, dass in der Ankerposition der Pfeil nur noch um ca. 2 mm nach hinten bewegt werden muss. Während der gesamten Bewegung soll das Visierkorn im Gold stehen. Wenn nun der Klicker fällt, ent­spannen sich die Zugfinger und die Sehne wird freigegeben (siehe Abbildung 18c).

Abbildung 18c: Ky8GHt

Man sieht, dass die Finger der Zughand ent­spannt und locker sind und dass die Hand sau­ber am Kiefer anliegt, bevor sie von der Rückenspannung nach hinten gezogen wird.

Wie kann man die Rückenspannung trainieren? Am einfachsten geht dies mit einem Theraband, des­sen eines Ende man sich um den Zugellenbogen legt und die Spannbewegung übt. Wenn man dann zum Bogen wechselt, kann man mit Hilfe einer Videosoftware (z.B. Coach`s Eye, video delay...) prü­fen, ob der Ablauf korrekt ist.

Das reflexartige Lösen übt man meiner Meinung nach am besten durch „Blindschießen“ auf kurze Entfernung. Es dauert allerdings einige hundert Schüsse, bis man beginnt, den Reflex auszubilden und mehrere Tausend Schüsse, bis dieser auch im Wettkampf sicher funktioniert.

 

Was ist jetzt "sauberes Lösen"?

Quelle: Trainertipps Februar 2025

Im Zusammenhang mit dem Lösevorgang kommt es immer wieder zu Diskussionen zwischen den Bogenschützen, da es im Prinzip zwei unterschiedliche Philoso­phien gibt.

  • Die eine „Gruppe (und zu dieser gehöre ich) vertritt die Ansicht, dass das Klickersignal der Auslöser des Lösens ist. Wir ha­ben uns darauf konditioniert, dass beim Fallen des Klickers die Finger aufgehen und der Pfeil fliegt. Dabei wird das Lösen zu einer mehr oder weniger unbewussten Handlung.
  • Die andere Gruppe nutzt den Klicker im Prinzip nur zur Auszugskon­trolle und löst bewusst.

Hier will ich kurz erklären, warum ich die von mir verwendete Technik des Lösens für die bessere halte.

Das Lösen ist der Moment, den ein Außenstehender als den Moment des Schusses bezeichnen wird. Jeder Bogenschütze mit ein wenig Erfahrung weiß aber, dass ein Schuss aus wesentlich mehr Bestand­teilen besteht. Wie bereits in den Trainer-Tipps von Juni 2024 bis Oktober 2024 beschrieben, beginnt der Schuss mit dem Einnehmen des Standes und endet mit dem Nachhalten.

Beim Lösen wird die Sehne freigegeben. Es ist wichtig, dass man dabei nicht aktiv löst (also bewusst die Finger öffnet), weil dies üblicherweise zu verrissenen Schüssen führt.

Das Lösen geschieht, wenn es richtig gemacht wird, durch ein Entspannen der Muskeln, die die Finger gekrümmt gehalten haben. Dabei gleitet dann die Sehne durch die jetzt entspannten Zugfinger (siehe Abbildung 19). 

Abbildung 19: L99Cfz

Da die Spannung in den Rückenmuskeln erhalten bleibt, bewegt sich nun der Zugellenbogen weiter nach hinten und die Zughand folgt dieser Bewegung. Da nach dem Lösen keine Zugkraft mehr auf den Bogen wirkt, löst sich der Bogen aus der Bogenhand und bewegt sich nach vorn, bis er von der Fingerschlinge gebremst wird (siehe Abbildung 20). Man sieht sehr schön die entspannten Zugfinger der Bogenhand, die wiederum auf dem Weg hinter den Kopf ist. Gleichzeitig sieht man, wie sich der Bogen nach vorn bewegt hat und von der Bogenschlinge aufgehalten wird.

Abbildung 20: vq0Bko

Man kann als Trainer sehr gut erkennen, ob der Schütze einen sauberen Rückenzug und ein ent­spanntes Lösen beherrscht, in dem man auf die Posi­tion der Zughand in der Nachhalteposition (PP4) achtet. Wenn der Schütze korrekt mit den Rückenmuskeln gespannt und nicht aktiv gelöst hat, wird die Zughand oberhalb der Schulter, hinter dem Kopf zu liegen kommen (siehe Abbildung 21).

Abbildung 21: IoLAmL

Bleibt die Hand dagegen neben dem Kinn liegen, ist dies ein deutliches Zeichen für den ungenügenden Einsatz der Rückenmuskeln. Die Haltung der Finger nach dem Schuss lässt Rück­schlüsse auf den Verlauf des Lösens zu. Sind die Fin­ger so entspannt wie auf dem Bild, so kann man da­von ausgehen, dass das Lösen auch korrekt gewesen ist.

Bilder von schlechtem Lösen findet man selten, wenn man die Bilder der Weltcup-Schützen betrach­tet. Wenn man sich allerdings auf den Turnieren umschaut, auf denen wir starten, findet man öfters Schützen, deren Finger nach dem Schuss gespreizt sind, was auf aktives Lösen hindeutet.

Gelegentlich (und da muss der Trainer dann genau hinschauen) kommen zwei Fehler zusammen. Der eine wäre der schlechte Rückenzug und der zweite der dadurch resultierende Endauszug durch das ver­mehrte Krümmen (Anspannen) der Zugfinger, die die Sehne halten.

Dieser zweite Fehler wird meist durch eine falsche Klickerpositionierung oder durch eine zunehmen­de Ermüdung hervorgerufen. In beiden Fällen erreicht der Schütze die korrekte Position, in der der Klicker fällt, nicht mehr durch den Einsatz seiner Rückenmuskeln und unterstützt den Endauszug daher durch das Krümmen der Finger. Das wiederum lässt ein entspanntes Lösen kaum mehr zu und führt nahezu unweigerlich zum „Aufreißen“ der Finger.

 

Exkurs: "Der Klicker"

Quelle: Trainertipps Februar 2025; siehe auch: Abschnitt "Der Klicker" auf der Seite "Ausrüstung"!

 Der Klicker ist im einfachsten Fall eine federnde Metall- oder Carbon Zunge, die über den im Bogen aufgelegten Pfeil gelegt wird (Abbildung 22). 

Abbildung 22: sIQaWK

Wird der Bogen gespannt, wird der Pfeil unter der Zunge durchgezogen, bis die Pfeilspitze sie freigibt und die Zunge an den Bogen anschlägt. Das dabei entstehende Klick-Geräusch gibt dem Schützen ein Signal, dass er korrekt gespannt hat und lösen kann.

Ursprünglich war der Klicker eine reine Auszugskon­trolle, mit der sichergestellt werden sollte, dass die Auszugslänge bei jedem Schuss gleich ist. Früher wurden zu diesem Zweck auch kleine Spiegel ver­wendet, gegenüber denen der Klicker den Vorteil hat, dass der Schütze seinen Blick nicht vom Ziel abwenden muss. Außerdem ist das akustische Signal („Klick“) eindeutiger als das Bild in dem Spiegel, welches durch die aktuellen Lichtverhältnisse stark verfälscht werden kann. Schnell nach der Einführung des Klickers hat man herausgefunden, dass die Schützen, die einen Klicker verwenden, deutlich bessere Ergebnisse erzielten als die Schützen, die ohne Klicker schossen.

In den folgenden Abschnitten beziehe ich mich auf die Betrachtungen eines Trainers, der eine eigene Website betreibt und dort immer wieder interessante Artikel veröffentlicht. Seine Abhandlungen zum Klicker findet man unter http://rz-home.de/~cnentwig/18_11_15_Klicker_Modellbildung.html, ich werde im Folgenden nur Auszüge davon verwenden.

1 Der Klicker als Auszugskontrolle

Zur Untersuchung des Einflusses der Auszugslänge wurde mit Hilfe einer rechnerischen Simulation untersucht, welchen Einfluss eine Änderung der Auszugslänge von ±10 mm auf die vertikale Trefferla­ge hat. Dazu wurden die technischen Daten der Ausrüstung einer ausgebildeten Schützin genommen.

  • Auszugsweg: 0,616 m
  • Anfangsgeschwindigkeit des Pfeiles: 56,4 m/s
  • Endhaltekraft: 130 N (29,2 lbs)
  • Abgangswinkel bei Schussentfernung 70 m: 6,92°
  • Pfeiltyp ACE 1000, Pfeilmasse 0,01594 kg

Die Annahme von einer Gesamtschwankung von 20 mm ist für einen ausgebildeten Schützen sehr konservativ und wird praktisch eher im Millimeterbereich liegen. Mit Absicht wurde für diese Unter­suchung ein Schütze mit einem schwachen Bogen gewählt.

Wird die Pfeilgeschwindigkeit höher, wird die Flugbahn flacher und damit der Einfluss eventueller Geschwindigkeitsschwankungen geringer. Die Grundlagen der Abschätzungen können auf der o.g. Website nachgelesen werden.

Auszugswegänderung (mm) 

Geschwindigkeit (m/s) 

Ablage 70 m (cm) 

Ablage 18 m (mm) 

-10

55,2

-34

-18

-5

55,8

-16

-7

0

56,4

0

0

+5

56,9

+16

10

+10

57,3

+33

20

Man sieht aus den Ergebnissen, dass die max. Ablage auf 18 m gerade mal die Hälfte des Durchmessers der „10“ beträgt, was bedeuten würde, dass ein genau gezielter Pfeil immer noch die Zehn träfe, auch wenn die Auszugslänge um den genannten Betrag verändert würde. Auf 70 m wäre die Ablage natür­lich größer, aber die Pfeile würden selbst bei diesem schwachen Bogen (der für Entfernungen von 70 m nicht wirklich geeignet ist) im schlimmsten Fall immer noch in der „7“ einschlagen.

Aus dieser Untersuchung kann man erkennen, dass der Klicker als reine Auszugskontrolle nicht für die verbesserten Ergebnisse verantwortlich sein kann.

2 Der Klicker als Lösesignal

Wie gesagt, der Klicker sorgt dafür, dass der Pfeil immer gleich ausgezogen wird. Es konnte aber ge­zeigt werden, dass das allerdings nicht der Grund für die Verbesserung der Ergebnisse ist, die man nach seiner Einführung feststellen konnte.

Seine Hauptfunktion ist vielmehr, dass er ein eindeutiges Signal gibt, wann das Lösen erfolgen soll. Ein ausgebildeter Schütze ist darauf konditioniert worden, dass beim Fallen des Klickers („Klick“) die Fin­ger aufgehen und der Pfeil fliegt. Dabei wird das Lösen zu einer mehr oder weniger unbewussten Handlung.

Bei sehr erfahrenen Schützen ist das Gefühl für die Klicker Position bereits so gut entwickelt, dass sie gar nicht mehr auf das eigentliche Signal reagieren, sondern unbewusst wissen, wann der Klicker fallen wird. In einem Versuch hat man Weltcupschützen unbemerkt Pfeile gegeben, die etwas länger waren als ihre Eigenen. Die Schützen haben diese Pfeile nahezu ausnahmslos „durch den Klicker ge­schossen“, weil sie genau in der für ihre richtigen Pfeile korrekten Position gelöst haben.

Man kann, so man möchte, auf der o.g. Website die Zusammenhänge im Detail nachlesen, im Folgenden möchte ich in eigenen Worten erklären, wie ich den Klickereinsatz verstehe.

Ein Schütze, der ohne Klicker schießt und somit bewusst löst, kommt unter Umständen in die Situati­on, in der er mit seinem Zielbild „nicht zufrieden“ ist. Er wird nun versuchen, dieses Zielbild zu ver­bessern (genauer/besser zielen). Dabei versucht er, genau in dem Moment den Pfeil loszulassen, in dem das Visier mittig im Gold steht. 

Allerdings besteht dabei das Problem, dass das Gehirn nur mit einer gewissen Verzögerung auf das Zielbild reagieren kann und es nach dem gedanklichen Löse-Signal an die entsprechenden Muskeln zu weiteren Verzögerungen kommt. Diese Verzögerungen (die sog. Reaktionszeit) werden im günstigsten Fall ca. 0,2 sec betragen, was bedeutet, dass der Schütze viel spä­ter löst, als er eigentlich beabsichtigt hat. In dieser Zeit ist allerdings das Visier aufgrund des normalen Muskeltremors schon lange wieder an einer anderen Position und der Schuss trifft nicht die beabsichtigte Stelle.

Außerdem wird das Zittern sich verstärken, je länger der Schütze versucht, sein Zielbild zu verbessern, was zusätzlich noch die Qualität des Schussen verschlechtern kann.

Abbildung 23: ztWHBW

Es ist nicht möglich, den Muskeltremor (Zittern) vollständig auszuschalten. Das bedeutet, dass bei jedem Schützen das Visier sich in einem mehr oder weniger großen Bereich, der sog. Halte­fläche bewegen wird. Der Sinn der Verwendung des Klickers ist nun, dem Schützen ein eindeutiges Signal zu geben, das Zielen zu beenden und den Pfeil loszulassen.

Es muss nun das Training dahin ausgerichtet werden, dass der „Klick“ zum richtigen Zeitpunkt kommt. Der Schütze muss lernen, sein Ziel- und Auszugsverhalten so zu koordinieren und zu optimieren, dass beim Fallen des Klickers das Visierkorn in seiner Haltefläche steht. Dabei muss konsequent darauf geachtet werden, dass wirklich auf den „Klick“ gelöst wird und sich somit ein Automatismus bildet.

Die Lage des Klickers sollte möglichst mit Hilfe des Trainers oder eines erfahrenen Schützen eingestellt werden. Dazu beobachtet man zunächst den Schützen im Auszug (über einen längeren Zeitraum) und merkt sich die Lage der Pfeilspitze in Bezug auf den Bogen. An diese Stelle wird man dann den Klicker positionieren.

Das folgende Training muss immer mit einem Zielpunkt (nicht unbedingt mit einer Auflage) erfolgen, da der Schütze ja die Koordination Visier in der Haltefläche +“ Klick“ = dann Lösen trainieren soll.

Zum Erlernen des reflexartigen Lösens kann dieses Training mit „Blindschießen“ abgewechselt wer­den. Dabei soll der Schütze auf kurzen Entfernungen (≤ 5 m) nach dem Anheben des Bogens (PP2) die Augen schließen, spannen, ankern (PP3), auf den „Klick“ lösen und nachhalten (PP4).

Wenn Ihr das Schießen mit Klicker richtig und lang genug trainiert habt, wisst Ihr, wann der Klicker fällt. Wenn Ihr merkt, dass Ihr zu lange braucht, um zum Lösen zu kommen, ist irgendetwas im Auf­bau nicht korrekt und Ihr solltet absetzen. Jetzt auf den Klicker zu schauen wäre richtig falsch, da Ihr in diesem Fall das Zielbild verliert und beim Klick vollkommen falsch steht.

Warnung: Ich möchte aber davor warnen, zu früh abzusetzen, da es sein kann, dass man sich damit sein Selbstvertrauen nimmt. Mit der Zeit kann man eine Art „Angst vor dem Schuss“ entwickeln und hat regelrecht Hemmungen durch den Klicker zu ziehen, sobald das Gefühl da ist, dass irgendetwas nicht stimmt. Zum Schluss kann es so schlimm werden, dass man einen Pfeil teilweise dreimal absetzt und dadurch in Zeitnot kommen kann.

Wichtig ist, dass man unterscheiden lernt, wann Absetzen richtig ist und wann nicht - und dabei kann Euch leider kaum jemand helfen.

3 Argument gegen den Automatismus

Wie bereits angedeutet, es gibt einige Schützen und Trainer, die den beschriebenen Automatismus kritisieren und meinen, dass man den Klicker eben nicht als Löse-Signal verstehen dürfe. Das Argu­ment, welches immer wieder genannt wird ist: „Was ist, wenn man nicht im Ziel steht und der Klicker fällt?“

Das Argument ist richtig und in einem solchen Fall wird es wahrscheinlich kein guter Schuss, würde der Schütze nur auf das Klicken lösen. Aber wie geschrieben, das Ziel des Trainings für den Klicker Einsatz ist ja, dass der „Klick“ eben zum richtigen Zeitpunkt kommt. Je besser der Schütze trainiert ist, umso genauer weiß er, wann sein Klicker fallen wird und er wird beispielsweise bei Wind seinen Aus­zug entsprechend verzögern.

Richtig angelernt und korrekt trainiert wird der Schütze nicht einfach beim „Klick“ seine Finger auf­machen, sondern er hat gelernt, dass zum Lösen sowohl der Klick als auch die Position des Visiers in der Haltefläche gehört. Nur wenn beides zusammenpasst, wird er lösen oder aber absetzen.

Ich möchte niemanden dazu überreden, seine lang geübte Technik umzustellen. Wer den Klicker nur zur Auszugskontrolle verwendet und so zurechtkommt, kann so weiter machen. Immerhin kann man mit einem solchen Stil (wie Adolf Mohr) auch mehrfacher deutscher Meister werden. Ich gebe jedoch zu bedenken, dass ich keinen der aktuellen Weltcup-Schützen so schießen sehe, wenn ich mir die Videos auf YouTube ansehe.

Zu guter Letzt: bitte folgenden Fehler beim Klicker-Training vermeiden: Kein Schießen ohne Auflage!

Schießen ohne Zielpunkt ist nur sinnvoll:

  • zum Aufwärmen (Einschießen) und beim Ausschießen
  • bei Anfängern, die die Grundlagen des Spannens und Schießens erlernen und
  • bei Fortgeschrittenen, die Änderungen an ihrem Schießstil vornehmen wollen.

Ansonsten ist das Schießen ohne Zielpunkt und damit ohne Kontrolle der Haltefläche nicht sinnvoll. Es ist wichtig, dass das Trainieren des Spannens und Lösens nur in Verbindung mit dem Trainieren der Koordination des Zielvorganges vorgenommen wird. Es muss zu diesem Training nicht zwangsläufig eine Auflage verwendet werden. Je näher man allerdings einem wichtigen Wettkampf kommt, umso wichtiger ist es, auch das korrekte Zielbild im Training zu verwenden.

Hinweis: Auf der Seite zum Thema "Wettkämpfe" gehe ich auf das Einfrieren („freezing“) oder Hängenbleiben („hang-up“) unter dem Klicker ein.

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